Gewichtsabnahme beim Pferd – Ratgeber zu Fütterung, Haltung & Body Condition Score
Gezielte Gewichtsabnahme beim Pferd – Ratgeber für eine gesunde Diät, Fütterung und Haltung
Übergewicht beim Pferd ist kein kosmetisches Problem, sondern ein ernstzunehmender Gesundheitsfaktor. Es erhöht das Risiko für Stoffwechselstörungen, Hufrehe und Leistungseinbußen. Eine kontrollierte Gewichtsreduktion beim Pferd muss deshalb immer strukturiert, langsam und individuell erfolgen.
In diesem Ratgeber erfährst du, wie du Übergewicht erkennst, welche Ursachen dahinterstecken können und wie du dein Pferd sicher und nachhaltig abnehmen lässt.
Woran erkennt man ein zu dickes Pferd?
Ein bewährtes System zur Beurteilung des Ernährungszustands ist der Body Condition Score (BCS). Dabei wird das Pferd visuell und tastend an mehreren Körperstellen beurteilt – insbesondere an Hals, Schulter, Rippen und Kruppen.
Die Skala reicht meist von 1 (ausgemagert) bis 9 (stark verfettet). Ein gesundes Pferd liegt idealerweise bei etwa 4–6.
Typische Anzeichen für Übergewicht sind:
- Rippen sind kaum oder gar nicht fühlbar
- Fettpolster am Mähnenkamm (cresty neck)
- Fettansammlungen an Kruppe und Schweifansatz
- „Rundliche“ Körperform ohne erkennbare Taillenlinie
Ein regelmäßiges Monitoring ist wichtig, da Gewichtszunahme oft schleichend passiert.
Die 9 Stufen des Body Condition Score (BCS) beim Pferd
Der Body Condition Score (BCS) beschreibt den Ernährungszustand des Pferdes auf einer Skala von 1 bis 9, wobei jede Stufe einen klar definierten körperlichen Zustand widerspiegelt.
BCS 1: Das Pferd ist extrem abgemagert, mit stark hervortretenden Knochen, keinerlei Fettpolstern und deutlich sichtbarem Muskelabbau.
BCS 2: Das Pferd ist sehr mager, Knochenstrukturen sind klar sichtbar und es fehlt nahezu vollständig an Fettgewebe.
BCS 3: Das Pferd ist dünn, mit leicht sichtbaren Rippen und nur minimalen Fettreserven.
BCS 4: Das Pferd ist leicht schlank, die Rippen sind noch erkennbar, aber bereits besser gepolstert.
BCS 5: Das Pferd ist ideal bemuskelt und im Normalgewicht, Rippen sind nur noch tastbar, nicht sichtbar.
BCS 6: Das Pferd ist leicht kräftig, mit beginnenden Fettpolstern über Rippen und Hals.
BCS 7: Das Pferd ist deutlich übergewichtig, Fettansammlungen sind an Mähnenkamm, Kruppe und Schultern sichtbar.
BCS 8: Das Pferd ist stark verfettet, mit ausgeprägten Fettdepots und deutlich veränderter Körperform.
BCS 9: Das Pferd ist extrem adipös, mit massiven Fettablagerungen, eingeschränkter Beweglichkeit und hohem Gesundheitsrisiko.

Wenn Übergewicht krank macht: mögliche Ursachen
Nicht jedes zu dicke Pferd ist „einfach nur zu gut gefüttert“. Häufig liegen Stoffwechselprobleme oder hormonelle Störungen vor.
Wichtige Erkrankungen im Zusammenhang mit Übergewicht:
- Equine Metabolic Syndrome
- Insulinresistenz
- Cushing-Syndrom (PPID)
- Bewegungsmangel durch Schmerzen oder Arthrose
Eine tierärztliche Abklärung ist besonders wichtig, wenn:
- das Pferd trotz Futterreduktion nicht abnimmt
- Fettdepots auffällig schnell zunehmen
- wiederkehrende Hufprobleme auftreten
Grundprinzipien der Gewichtsabnahme beim Pferd
Die wichtigste Regel lautet: langsam, kontrolliert und niemals radikal hungern lassen.
Ziel ist ein moderates Kaloriendefizit bei gleichzeitig ausreichender Rohfaserzufuhr und Beschäftigung.
Entscheidend sind:
- konstante, strukturierte Fütterung
- ausreichend Bewegung im Rahmen der Möglichkeiten
- Vermeidung von Stoffwechselspitzen (z. B. durch zu viel Zucker/Stärke)
- langfristige Umstellung statt Crash-Diät
Fütterung während der Diät: Was darf ins Pferd?
1. Heu / Heulage
Heu ist die wichtigste Grundlage. Es liefert Rohfaser, ohne den Stoffwechsel stark zu belasten.
- Heu wird rationiert (z. B. 1,2–1,5 % des Körpergewichts)
- ideal: spät geschnittenes, energiearmes Heu
- Heunetze verlangsamen die Aufnahme und helfen beim Abnehmen
- Heulage kann problematisch sein, da sie oft energiereicher ist und stärker variiert
👉 Wichtig: Keine Futterpausen über viele Stunden – das erhöht Stress und kann Stoffwechselprobleme fördern.
2. Einstreu, die gefressen wird
Stroh wird häufig unterschätzt. Manche Pferde fressen große Mengen und nehmen darüber unbemerkt Energie auf.
- Stroh ist kalorienarm, aber nicht energie- oder zuckerfrei im Effekt
- bei Übergewicht besser nur kontrolliert oder gar nicht als Futterquelle oder Einstreu
- regelmäßig kontrollieren, wie viel tatsächlich gefressen wird
3. Kraftfutter und Müslis
Bei übergewichtigen Pferden ist Kraftfutter meist überflüssig.
- stark zucker- und stärkearme Rationen wählen oder komplett streichen
- keine energiereichen Müslis oder Melasseprodukte
- nur in Ausnahmefällen (z. B. alte Pferde mit Unterversorgung) gezielt einsetzen
4. Leckerchen
Kleine Snacks summieren sich schnell.
- Obst, Brot und zuckerhaltige Leckerchen vermeiden
- besser: kleine Stücke Karotte oder spezielle zuckerarme Pferdeleckerchen
- Trainingsbelohnungen konsequent mit einrechnen
Haltung und Bewegung: unterschätzter Erfolgsfaktor
Ohne Bewegung ist nachhaltige Gewichtsabnahme kaum möglich.
Wichtig ist:
- tägliche, moderate Bewegung (Schritt, kontrolliertes Training)
- Weidegang bewusst steuern
- Offenstallhaltung kann helfen, da mehr Bewegung im Alltag entsteht
- Stress vermeiden, da Cortisol den Stoffwechsel beeinflusst
Ein langsamer Muskelaufbau ist dabei wichtiger als intensive Belastung.
Weidegang beim übergewichtigen Pferd
Weide ist oft der kritischste Punkt.
Empfehlungen:
- begrenzte Weidezeiten (z. B. morgens kurz oder stundenweise)
- Nutzung von „Abmagerungsweiden“ mit geringem Grasaufwuchs
- ggf. Maulkorb (Graskorb), um Aufnahme zu reduzieren
- keine üppigen Frühlingsweiden ohne Kontrolle
Gerade im Frühjahr ist der Zuckergehalt im Gras besonders hoch – ein Risikofaktor für Stoffwechselprobleme und Hufrehe.
Typische Fehler bei der Diät beim Pferd
Folgende Fehler solltest du unbedingt vermeiden:
- radikales Futterentziehen oder zu lange Fresspausen
- zu schnelle Reduktion ohne Anpassungszeit
- unkontrollierter Weidegang
- „versteckte Kalorien“ durch Leckerchen oder Stroh
- fehlende tierärztliche Abklärung bei Verdacht auf Erkrankungen
- zu wenig Bewegung oder reine Stallruhe
Beispiel-Plan zur Gewichtsreduktion (Orientierung)
Phase 1: Analyse (1–2 Wochen)
- Body Condition Score bestimmen
- Tierarzt-Check bei Verdacht auf Stoffwechselprobleme
- aktuelles Futter exakt erfassen
Phase 2: Umstellung (2–4 Wochen)
- Heuration anpassen und strukturieren
- Kraftfutter reduzieren oder streichen
- Weidegang kontrollieren
- Bewegung langsam steigern
Phase 3: aktive Gewichtsabnahme (mehrere Monate)
- konstante Heufütterung mit kontrollierter Menge
- tägliche Bewegung (Schritt + leichtes Training)
- regelmäßige Gewichtskontrolle (z. B. Maßband + BCS)
Phase 4: Stabilisierung
- neue Futtermenge beibehalten
- Weide wieder langsam erweitern
- Dauerhafte Management-Routine etablieren
Diätplan für Pferde
Hinweis: Der Plan ist allgemein gehalten und ersetzt keine tierärztliche Beratung.
| Woche | Fütterungsanpassung | Handlungsempfehlung / Management |
|---|---|---|
| Woche 1 | Heumenge auf ca. 1,8 % des Soll-Körpergewichts anpassen | Startgewicht ermitteln, Body-Condition-Score (BCS) dokumentieren, tägliche Bewegung einplanen |
| Woche 2 | Kraftfutter deutlich reduzieren oder absetzen, nur Mineralfutter | Heu abwiegen, Fresszeiten verlängern (Heunetz mit kleinen Maschen) |
| Woche 3 | Heumenge auf 1,6–1,7 % des Sollgewichtssenken | Leichte Arbeit 30–40 Min. täglich (Schritt/Trab), Weidezeit begrenzen |
| Woche 4 | Nur strukturreiches, spätes Heu füttern | Regelmäßige Gewichtskontrolle (Maßband), keine Leckerlis |
| Woche 5 | Mineralfutter bedarfsgerecht, ggf. energiearmes Diät-Müsli | Trainingsintensität leicht steigern, mehr aktive Bewegung |
| Woche 6 | Heu weiterhin streng rationiert, gleichmäßig über den Tag verteilt | Weide ggf. nur mit Fressbremse oder ganz pausieren |
| Woche 7 | Ration beibehalten, keine zusätzlichen Energiequellen | Fortschritt kontrollieren, BCS erneut bewerten |
| Woche 8 | Langsame Anpassung Richtung Erhaltungsration | Stabilisierung: Gewicht halten, Fütterung dauerhaft strukturieren |
✅ Wichtige Grundregeln für den Diätplan
- Nie unter 1,5 % Heu vom Soll-Körpergewicht gehen
- Immer Mineralfutter zur Nährstoffversorgung
- Gewichtsabnahme sollte langsam & kontinuierlich erfolgen
- Besonders wichtig bei EMS-, Rehe- oder Stoffwechselpferden
Fazit: Nachhaltig abnehmen statt kurzfristig hungern
Eine erfolgreiche Gewichtsabnahme beim Pferd basiert nicht auf Verzicht, sondern auf Struktur, Kontrolle und Verständnis für den Stoffwechsel. Besonders wichtig ist eine angepasste Heufütterung, konsequente Bewegung und ein bewusster Umgang mit Weide, Kraftfutter und Leckerchen.
Wenn du frühzeitig handelst und systematisch vorgehst, lässt sich Übergewicht beim Pferd meist gut und dauerhaft reduzieren – ohne den Körper zu überlasten.
Da die Ursachen und Probleme von Übergewicht individuell unterschiedlich sein können, ersetzt unser Ratgeber keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung.